Veganer und Vegetarier kennt man ja. Den Flexitarier, der bewusst und nur gelegentlich sein Fleisch konsumiert, inzwischen auch. Aber habt Ihr auch schon von Paleos, Fermentos oder Superfoodies gehört?

Die einen futtern ausschließlich, was unsere steinzeitlichen Vorfahren schon in ihrer Höhle gemampft haben. Die anderen schwören auf fermentierte Grashüpfer als Lieferanten wertvoller Darmbakterien. Mindestens genauso schräg: Superfood. Diese vermeintlich gesunden Lebensmittel will nicht mal das ansonsten so allwissende Wikipedia definieren. Ich finde Essen immer super – wenn es mir am Ende schmeckt. Und genau hier fängt das Problem an. Denn bei unserer Ernährung geht es heutzutage längst nicht mehr nur um Geschmack und Qualität, sondern immer mehr auch um den Ausdruck von Individualität. Die Ernährungsweise wird wie der derzeit so trendige Layering-Look samt quietschbunten Sneakers oder Smartphones in Glitzeroptik vor sich hergetragen. Essen wird zum Instrument auf der Suche nach dem Selbst und zur Community- Bildung, aber auch zur Provokation oder zum Weltverbesserungstool. Ich esse, also bin ich. Und was isst Du so?
Neulich erst: Ich sitze im Biergarten, ein herrlicher Herbsttag, und schlemme ein besonders zartes Rindersteak. Da kommt die Kati mit ihrem Quinoa-Avocado-Salat in der Hand und wirft mir einen verächtlichen Blick zu. „Zu viel Fett, totes Tier – wie kannst Du das mit Dir vereinbaren?“, fragt sie. Andersrum, und mindestens genauso plump, geht das natürlich auch. Ich fühle mich angegriffen und reagiere entsprechend: „Der Moment, wenn der Dönermann das Fleisch schneidet, und einem das Wasser im Mund zusammenläuft – geht es Euch Veganern beim Rasenmähen auch so?“ Sich über Essen zu streiten, ist ja grundsätzlich nichts Neues. Als ich Kind war, rannte mir der Nachbar hinterher, wenn ich ihm ein paar Äpfel aus dem Garten geklaut hatte. Stibitzte man mir umgekehrt mein Pausenbrot, wurde ich selbst zum scharlachroten Rächer. Bei heutigen Konflikten geht es allerdings seltener um ein Korpus Delikti, sondern fast nur noch ums Prinzip – und um Missionierung. Fleischlos, gluten- oder laktosefrei, halal und halali: Alle Ernährungsweisen haben für den ein oder anderen sicherlich ihre Berechtigung. Aber Essen ist in erster Linie unsere Lebensgrundlage. Ich weiß: Die Kinder in Afrika sind als Argument abgedroschen, aber erzählt einer hungernden Familie in Äthiopien mal von den ernährungsphysiologischen Vorteilen der Steinzeiternährung. Vor so einem Publikum würde vielleicht auch ein eingefleischter Veganer ins Grübeln kommen.
Wir hingegen haben den Luxus, dass uns unser Essen nicht nur satt macht, sondern dass wir es auch noch genießen können. Doch in Zeiten, in denen vielen der Pilates-Kurs wichtiger als ein gemeinsames Abendbrot geworden ist, ist uns das wohl immer weniger bewusst. Dabei ist Geschmack etwas Wunderbares! Und wenn uns das zarte Stück vom Rind besser als der Quinoa-Avocado-Salat mundet, dann sollten das nicht nur alle anderen, sondern vor allem auch wir selbst akzeptieren. Das heißt ja nicht, dass man sich nur noch davon ernähren sollte.

Es wäre ja auch viel netter, wenn Kati und ich zusammen im Biergarten säßen und gut gelaunt unsere Teller leerputzten. Meinetwegen kann sie dazu auch noch ein paar fermentierte Grashüpfer verknuspern. Hauptsache, sie macht mir mein Steak nicht madig.

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