Manchmal führt die Liebe unverhofft ins Landleben. Mit den Klischees wie bei Bauer sucht Frau hat das wenig zu tun, sagt Maike Aselmeier.

Leben auf dem Bauernhof – das klingt nach Kuhglocken und Freiheit. So will es das Klischee. So vermitteln es uns unzählige Land-Magazine und schräge TV-Formate. Das echte Landleben ist hingegen für Außenstehende eine große Unbekannte. Was aber, wenn man sich in einen Landwirt verliebt und der Alltag zwischen Kuhstall und Acker plötzlich zum ganz realen Lebensentwurf werden könnte? Ein Abend in Offenburg. 14 Frauen sitzen im Kreis. Die meisten haben in einen Hof eingeheiratet. Ein paar stehen kurz davor. Die Frauen berichten von ihren Erfahrungen. Eine erzählt von einem geplatzten Date am zweiten Hochzeitstag, als nach langer Regenzeit endlich Heuwetter war. Eine andere beschreibt ihr ungutes Gefühl, wenn sie sich nach ihrem Arbeitstag als Erzieherin in den Garten setzt, um die Füße kurz hochzulegen: „Das macht auf dem Hof keiner, es gibt immer was zu tun.“ Die anderen Frauen nicken. Jede merkt: Ich bin nicht allein mit meinen Sorgen. Eigentlich können wir doch alle mitreden – wer hat nicht schon eine Folge der Serie „Bauer sucht Frau“ gesehen? Sie spielt mit den Unterschiedlichkeiten von Stadt- und Landmenschen. Leider verkommt dabei das Klischee des bodenständigen Bauern zu einer dümmlichen Karikatur. Natürlich sind Landwirte räumlich und zeitlich stark gebunden. Zugleich sind sie jedoch Unternehmer, tragen Verantwortung, beherrschen ihr Handwerk – und das alles mit Leidenschaft. Was ist also so besonders daran, einen Landwirt zu heiraten? Das Leben wird sich verändern – aber das muss nicht negativ sein. Über einige Dinge sollte man sich aber vorher auf jeden Fall bewusst sein.

  1. DER HOF AN ERSTER STELLE

Stellt man Junglandwirten die Frage, wen er eher verlassen würde – Hof oder Frau –, kommt die Antwort meist wie aus der Pistole geschossen. Der Betrieb steht an erster Stelle. Für Frischverliebte ist das nicht einfach. Doch oft geht der Hof vor – was Planung, investierte Zeit und Aufmerksamkeit angeht, manchmal auch in puncto Leidenschaft.

  1. SELBSTVERSTÄNDLICHKEITEN

„Kaum klingelt der Wecker, sind alle am Schaffen. Ich wollte so gerne mitanpacken – und wusste nicht wie“, erinnert sich eine der Frauen. Im Alltag geschieht vieles aus Notwendigkeit. Arbeitsschritte ergeben und erklären sich von selbst – tun sie das? Nicht für jemanden, der bisher mit Landwirtschaft nichts am Hut hatte. Es dauert eine Zeit, um sich im Dschungel der Selbstverständlichkeiten zurechtzu, finden.

  1. SCHWIEGERELTERN

„Ich habe nicht einen Mann geheiratet, sondern eine ganze Familie“, seufzt eine Teilnehmerin. Nicht selten leben in der Landwirtschaft mehrere Generationen unter einem Dach. Die neue Bäuerin teilt ihren Lebensraum also mit einer Frau, die für sie alles werden kann, was zwischen bester Freundin und ewiger Widersacherin zu finden ist. Sie hat den Betrieb im Griff, kennt ihren Sohn – und weiß alles besser. „Irgendwann habe ich verstanden, dass das gar nichts mit mir zu tun hat“, sagt die Frau. Die Schwiegereltern hätten viel Arbeit in den Betrieb gesteckt. „Jetzt haben sie Angst, dass es nicht funktioniert.“ Es braucht einfach für beide Seiten eine Zeit der Eingewöhnung.

  1. DIE ARBEIT HÖRT NIE AUF

Landwirtschaft bedeutet Arbeit. Viel Arbeit, niemals endende Arbeit. Bestimmte Dinge lassen sich nicht aufschieben. Und: Die Arbeit ist nie fertig. Kaum ist der Melkstand ausgespritzt, kommt die nächste Melkzeit. Kaum ist der Acker abgeerntet, wird geeggt, gepflügt und die Zwischenfrucht eingesät. Und nach Feierabend geht’ s weiter. Oft werden am Esstisch noch Arbeitsthemen besprochen. Das Gute daran – man geht die Dinge gemeinsam an.

  1. LEBEN IM GRÜNEN

„Als ich meinen Freund zum ersten Mal besuchte, war ich erleichtert, dass es mir dort so gut gefiel“, erzählt eine Neu-Bäuerin. „Mir war klar, hier wirst du leben – dieser Mann zieht nirgendwo sonst hin.“ Der Lebensort eines Landwirts und seiner Familie ist vorherbestimmt. Vielleicht wird die Wohnung ausgebaut oder man baut sich ein neues Wohnhaus. In der Wahl des Wohnorts besteht keinerlei Spielraum. Dafür lebt man oft an einem sehr schönen Ort. Vielleicht ein wenig weit draußen. Doch spätestens, wenn die Kinder da sind, lernen es die meisten zu schätzen.

  1. EIN RAUM, UM SICH AUSZUTOBEN

„Für mich ist der Hof ein Schlaraffenland“, sagt eine eingeheiratete Einzelhandelskauffrau. Sie könne immer mitbestimmen, was sie macht. Der Hof bietet Raum und jede Menge Möglichkeiten für eigene Projekte. Ob Hofladen, Bauernfrühstück, Bed & Breakfast, Catering: Der Kreativität sind kaum Grenzen gesetzt. Wer will, kann sich verwirklichen – und das von zu Hause aus.

  1. DER HOF – EIN GEMEINSAMES PROJEKT

„Wenn wir miteinander ernten, gibt mir das ein Gefühl von Zusammenhalt“, freut sich eine Neu-Winzerin. Eine Landwirtschaft zu führen, ist ein gemeinsames Projekt. Selbst wenn der eingeheiratete Partner seine Arbeit außerhalb behält. Es gibt vieles gemeinsam zu besprechen und zu planen. Man kann sich gemeinsam über Erfolge freuen und an Problemen knabbern. Das ist ein tolles Gefühl. Aber nur solange es auch Zeiten gibt, in denen beide einfach nur ein Paar sein dürfen. Wer die ersten Schritte auf dem Hof gut  hinbekommt, wird reich beschenkt. Eigentlich ist das mit der Einheirat in die Landwirtschaft nicht viel anders, als anderswo – nur ist hier vieles offensichtlicher: Es treffen Welten aufeinander. Heute heiratet keiner nur, um versorgt zu sein. Es reicht nicht, miteinander auszukommen – man will glücklich sein. Den anderen ändern zu wollen, führt selten zum Glück. Sich selbst komplett anzupassen, aber auch nicht. Es geht dabei nicht um richtig oder falsch, sondern ums gemeinsame Gestalten. Das Handwerkszeug dazu: im Gespräch bleiben, neugierig sein und die Vorstellungen des anderen kennenlernen.

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Text: Maike Aselmeier

Maike Aselmeier, Landwirtin und Psychologin aus Freiburg, hat sich an einem Punkt ihres Lebens entschieden, nicht in einen Hof einzuheiraten. Ihre Erfahrungen haben sie aber dazu bewogen, sich vermehrt dem Zwischenmenschlichen zuzuwenden. Nun verbindet sie ihre zwei Leidenschaften, indem sie im Winter landwirtschaftliche Familien berät und im Sommer einen Alpbetrieb in der Schweiz bewirtschaftet.

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