Das traditionelle Holzrücken mit Pferden ist fast ausgestorben. Was eine Pferdestärke in unseren Wäldern so alles bewirken kann, zeigt Tobias Vogt mit seinem schwarzwälder Fuchs Ranka

Während Eichhörnchen, Siebenschläfer & Co. längst im Stand-by-Modus laufen, muss ein anderes Tier heute trotz eisiger Wintertemperaturen Höchstleistungen bringen. Dabei wirkt Ranka auf den ersten Blick nicht unbedingt wie ein Arbeitstier: Seelenruhig steht der 17-jährige Schwarzwälder Fuchs in seinem Hänger und kaut Heu. „Essen beruhigt. Das ist beim Pferd nicht anders als bei uns“, sagt Tobias Vogt lachend. Dass seine rotbraune Stute mit der hellen Mähne tatsächlich ein bisschen hibbelig ist, zeigt sich erst auf den zweiten Blick: Sie scharrt mit dem linken Vorderhuf. Es soll endlich losgehen! Ranka ist wild auf Wald …

Tobias Vogt hat Rankas Arbeitseinsatz mit Dieter Dreher, dem Gebietsleiter Schliffkopf im Nationalpark Schwarzwald, abgesprochen. Es ist neun Uhr morgens als sich die beiden bei strahlendem Sonnenschein einem Stückchen Wald in der Nähe des Lotharpfads nähern. 400 Meter unterhalb der Schwarzwaldhochstraße liegt das Gebiet, in dem Ranka heute das tun darf, wofür ihre Rasse einst gezüchtet wurde: Holzrücken. Gemeinsam mit Tobias Vogt wird Ranka rund 60 Fichten mit Längen zwischen fünf und sechs Meter aus dem sumpfigen, unwegsamen Gelände ziehen. Gefällt sind sie schon.

Warum die Kiefern weichen mussten? Zumal in einem Gebiet, in dem Lothar einst besonders heftig wütete? „Genau deshalb eignet sich diese Fläche gut für den Schutz des Auerhahns, der für den Schwarzwald so typischen, aber auch bedrohten Waldvogelart“, erklärt Dieter Dreher. Das Auerwild benötigt nämlich neben großen zusammenhängenden Nadelbaummischwäldern auch lichte, fichtenfreie Waldbestände mit gut entwickelter Bodenvegetation. Und da es sich hier vor allem um Jungbestände handelt, lässt sich diese Fläche recht einfach auflichten.

Dann, völlig unvermittelt: ein kräftiges Schnauben. Tobias reagiert sofort: „Herr Dreher, mit der Arbeitseinweisung sind wir ja soweit durch, oder? Dann hol ich jetzt mal Ranka aus dem Hänger.“ Zügig, aber sicheren Schrittes geht sie rückwärts die Rampe hinunter. Die Ohren gespitzt, schaut sich die Stute prüfend um und erblickt sofort das Gras am Wegesrand. „Ranka, steh!“, unterbricht Tobias ihren Versuch, eigene Wege zu gehen. Und tatsächlich: Die Stute bewegt sich keinen Millimeter mehr. „Ranka hat manchmal einen richtigen Dickschädel, aber man kann sich hundertprozentig auf sie verlassen“, sagt Tobias. „Beim Holzrücken ist das extrem wichtig. Wenn ich hinter ihr stehe und den Baum mit der Rückekette am Ortscheit befestige, muss ‚Steh!‘ immer ‚Steh!‘ bedeuten. Die Unfallgefahr wäre sonst viel zu hoch.“

Das Ortscheit, das hölzerne Verbindungsstück zwischen den Zugsträngen am Pferd und der Rückekette mit der angehängten Last, ist nur ein Teil des umfangreichen, traditionellen Zubehörs, das Tobias vor etwas mehr als einem Jahr für die Waldarbeit mit seiner Ranka gebraucht gekauft hat: „So hochwertige Handarbeit bekommt man heute nicht mehr:“ Auch das Pferd hat er aus zweiter Hand übernommen. „In ihrem vorherigen Leben war Ranka Zuchtstute und wurde nebenbei als Kutschpferd eingesetzt. Da es bei ihrem Züchter aber auch jüngere Zugpferde gibt, kam Ranka immer seltener zum Einsatz.“ Eine Verschwendung – wie man schon beim Aufzäumen sehen kann: Die Vorfreude ist der Stute förmlich ins Pferdegesicht geschrieben; vor lauter Ungeduld tänzelt sie auf der Stelle.

Zehn Minuten später, das Kumtgeschirr samt Zugsträngen und Einspännerleine ist angelegt, ist Ranka voll in ihrem Element. Das Mensch-Pferde-Gespann nimmt Kurs auf die erste Fichte. Dass das Gelände unwegsam und leicht sumpfig ist und daher mit einer Forstmaschine gar nicht befahrbar wäre, verunsichert Ranka zunächst. Klar, als Kutschpferd hat sie unter solchen Gegebenheiten nie gearbeitet und zum Rückepferd ist sie von ihrem neuen Besitzer erst vor einem Jahr ausgebildet worden.

Tobias aber bleibt gelassen, gibt ihr mit „Hoppla, vorwärts!“, „Hischt!“, „Hott!“, „Z´ruck!“ oder „Brrrr!“ die passenden Kommandos und lobt Ranka, als sie den unliebsamen Entwässerungsgraben das erste Mal überwunden hat.

Da die gefällten Fichten jung und damit eher leicht sind, spannt der Pferderücker gleich zwei Baumstämme hinter den 600 Kilogramm schweren Schwarzwälder Fuchs. Rund ein Drittel des eigenen Körpergewichts kann ein Rückepferd über längere Strecken  ziehen, heißt es. Mit den beiden Fichten hat Ranka jedenfalls keine Probleme – zügig zieht sie das Holz über Stock und Stein Richtung Ablageplatz. Hinter ihr, leicht seitlich versetzt, folgt Tobias und hält die Einspännerleine locker in den Händen. „Wenn Ranka hier drei-, viermal rauf- und runtergegangen ist, fällt es ihr leichter“, ruft er im Eilschritt.

Recht hat er. Nach einer Viertelstunde ist von Rankas Unsicherheit nichts mehr zu spüren. Langsam kommt sie ins Schwitzen: Ihr leicht lockiges Winterfell ist an den Flanken weitestgehend durchnässt, der Kaltblüter dampft sogar. Ein fast unwirkliches Bild …

Ob es wohl vor 50 Jahren in unseren Wäldern genauso aussah, bevor große Forstmaschinen ihren Siegeszug angetreten haben? „Natürlich setzen auch wir Maschinen ein. Der Nationalpark ist ja mehr als 10.000 Hektar groß, da bräuchten wir ganz schön viele Pferde!“, sagt Dieter Dreher. Aber es gibt eben Gebiete wie dieses hier, auf dem ein Maschineneinsatz aufgrund des feuchten Bodens gar nicht möglich und wegen der geringen Stückmasse auch gar nicht wirtschaftlich sinnvoll wäre. Dieter Dreher: „Den größten Vorteil eines Pferdes haben wir aber noch gar nicht angesprochen: Ihre Hufe verdichten den Boden nicht so sehr wie die schweren, auf breiter Fläche aufliegenden Fahrzeuge.“

Gerade im Ökosystem Wald ist dieser Aspekt wichtig. Denn verdichteter Boden nimmt weniger Wasser auf. Die möglichen Folgen: Staunässe, Stickstoffverlust und geringeres Pflanzenwachstum. Kein Wunder also, dass der großflächige Einsatz von Harvestern, also großer Vollerntemaschinen, in unseren Wäldern, trotz ihrer hohen Effizienz auch skeptisch gesehen wird. Und es gleichzeitig Menschen wie Tobias gibt, die versuchen, der alten Tradition des Schwarzwälder Rückepferdes neues Leben einzuhauchen. Denn eigentlich verdient er sein Geld mit einer ganz anderen Arbeit: Tobias ist Anästhesie-Pfleger und hat fürs Probearbeiten mit Pferd extra frei genommen.

„Wir haben schon ein paar Gespanne, mit denen wir arbeiten“, sagt Dieter Dreher. „Aber die kommen alle von weiter weg.“ Tobias Vogt und Ranka dagegen sind aus Oberkirch – und damit gleich ums Eck. Auch Ranka sieht so aus, als würde sie den Nebenerwerb ihres Besitzers befürworten. Zwar steht sie mit mehreren anderen Pferden zusammen und wird regelmäßig von Vogts Töchtern geritten – ihre wahre Leidenschaft ist aber das Ziehen im Wald. „Viele Aufträge gibt es leider nicht“, sagt Tobias. „Die meisten Waldbesitzer in der Ortenau wissen heute gar nicht mehr, dass es diese Möglichkeit der Holz ernte gibt. In Norddeutschland sind Rückepferde dagegen noch viel weiter verbreitet.“

Um die Arbeitspferde im Wald anzutreffen, muss man aber nicht gleich nach Schleswig-Holstein fahren. „Auch bei unseren Nachbarn im Elsass werden sie noch regelmäßig eingesetzt. Bei größeren Aufträgen arbeite ich daher auch gern mit einem elsässischen Pferderücker zusammen,“ sagt Tobias. Vielleicht ja auch bald in der Ortenau? „Ich hätte bestimmt nichts dagegen. Am liebsten würde ich mit Ranka nicht nur die Bäume aus dem Wald ziehen, sondern davor auch den Holzeinschlag übernehmen. Wer weiß, vielleicht ist diese Geschichte dafür ja der Anfang?“

PFERDE FÜR DIE WALDARBEIT?

Wer sich einen Schwarzwälder Fuchs beim Holzrücken

im eigenen Wald vorstellen kann, erreicht Tobias unter

01 76/23 41 22 34 oder per Mail: tobiasvo@gmx.de

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Text: Heike Schillinger  Fotos: Michael Bode

Tobias Vogt und Ranka

Das unwegsame Gelände im Nationalpark Schwarzwald hält für Tobias Vogt und sein Rückepferd Ranka ein paar Überraschungen bereit – den Entwässerungsgraben zum Beispiel, den sie hier gerade überwinden

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