Die Nächste Stufe Heimat von und mit Mode-Mann Jochen Scherzinger.
Er inszeniert Schwarzwaldfolklore in neuem Look. Aber dieses mal keine Trachten,
sondern Handwerk


Edmunds Wegli hat etwas Geheimnisvolles. Zunächst steil und später langsam ansteigend, geht er über Stock und Stein das Hübschental hinauf. Über dem leuchtend-grünen Moos, das sich über den Gütenbacher Waldboden zieht, wabern Nebelschwaden. Es hat angefangen zu regnen. Im Verborgenen krächzt ein Vogel, im Unterholz knarzt es. Jochen Scherzinger eilt schnellen Schritts voraus. „Wir sind gleich da“, ruft er nach hinten. Kurz darauf öffnet sich eine kleine Lichtung – mitten auf diesem verschlungenen Waldpfad, den sein Großvater Edmund einst tagtäglich zur Arbeit nach Furtwangen zurückgelegt hat.

„Mein Opa war Schreiner“, erzählt mir Jochen Scherzinger und zieht den Reißverschluss seines Kapuzenpullis zu. Der Regen wird stärker. Er durchnässt unsere Klamotten. So ist es wohl auch Edmund, dem Namensgeber des Weges, häufig ergangen. In heißen Sommern plagten ihn die Mücken, in harten Wintern stapfte er durch tiefen Schnee. Der Alltag  war hier in vergangenen Zeiten beschwerlich. Verständlich also, dass sich Jochen Scherzinger für die Präsentation seiner neuen Schwarzwaldserie „Herzland“, die der Modedesigner gerade zusammen mit dem Donaueschinger Fotografen Tobias Raphael Ackermann auf die Beine gestellt hat, diesen ungewöhlichen Ort ausmalt. Schließlich zeigen die Motive der Serie alte Schwarzwälder Handwerksberufe. Und dabei denkt Scherzinger nicht nur an den Opa. Es geht eben auch um den Wald an sich, der für Uhrmacher, Flößer, Köhler, Zimmermänner oder Jäger Jahrhunderte lang eine wichtige Rolle spielte. Die Bilder selbst sollen
hier auf alte Türen gedruckt auf der Lichtung präsentiert werden. „Das wird stark“, verspricht der Gütenbacher.

Und recht hat er. Jochen Scherzinger zeigt uns mit „Herzland“ erneut vertraute Traditionen und Brauchtum aus einem neuen Blickwinkel. Das war ihm mit der Vorgängerserie „Fabulous Black Forest“ zusammen mit dem Fotografen Sebastian Wehrle schon einmal gelungen. Mit dem düster-schönen Trachtenmotiv, für das Freundin Kim mit Bollenhut und Nasenring posierte, hatte er zuletzt ganz nebenbei unsere Sicht auf den Schwarzwald verändert. Folklore mit Stil und Schick – das erregte Aufmerksamkeit. Dabei war das Trachtenmotiv zunächst nur als Facebook-Werbung für sein Modelabel Artwood Black Forest gedacht. Doch es ging durch die Decke. Inzwischen hängen die Bilder gleichermaßen in Hotelfoyers, Geschäftsführerbüros und hippen Szenebars.

Nun also das nächste kunstvolle Heimatprojekt. Um Trachten sollte es bei Herzland nicht gehen, um Brauchtum und Tradition aber schon, erzählt Scherzinger. Was er aber unbedingt wollte, war ein Bruch. Deshalb sind die Motive auch in Schwarz-weiß gehalten. „Ich will nicht auf Trachtenfotos reduziert werden“, sagt der Modedesigner. Schließlich gebe es hier noch mehr als nur den Bollenhut. Mit seinem vormaligen Partner wurde er sich da nicht einig. Man geht inzwischen getrennte Wege. Mit Tobias Raphael Ackermann, der sich selbst als Lichtemotionist bezeichnet, fand Scherzinger einen neuen Mann hinter der Kamera. Der 41-Jährige war von der Idee sofort eingenommen.

Aber warum gerade das Handwerk? „Jeder kennt das Schwarzwälder Kirschwasser, aber nur selten denken wir an den Brenner dahinter“, sagt der Modedesigner. Flößer, Zimmermann, Jäger, Metzger, Bäcker, Uhrmacher, Musikanten – über jeden der abgelichteten Berufe hat sich Scherzinger so seine Gedanken gemacht. „Ich will mit Herzland die Menschen darauf aufmerksam machen und erinnern, was sie an dem Handwerk haben“, meint er.

Nicht alle Models der Serie üben ihren Beruf auch wirklich aus, gesteht der Gütenbacher, der sich beim Flößer (S. 124) selbst mit aufs Bild geschlichen hat. Doch bei einigen Motiven fand er das Gesicht aus dem dazugehörigen Metier. Beim Brenner zum Beispiel, für den Monkey-47-Mastermind Christoph Keller posierte. Der Spitzendestillateur aus der Eigeltingener Stählemühle passte optisch wie die Faust aufs Auge. Da waren auch beim Shooting kaum Anweisungen nötig. Nach 15 Minuten war das Motiv im Kasten.

Das Besondere an der „Herzland“-Serie: Es gibt sie nicht nur als Wandbilder fürs Wohnzimmer. Wer möchte, kann sich die Heimat-Motive per UV-Druck auch auf Glas oder Holz drucken lassen. Oder auf alte Türen, wie es Scherzinger für seine Präsentation im Wald plant. Und natürlich gibt es die Bilder und das Logo auch auf Pullis oder Shirts – bei Artwood soll und wird es ja auch weiterhin um Klamotten gehen, betont der Modedesigner.

Sechs Wochen später. Die Sonne strahlt durch die Tannen im Hübschental. Auf Edmunds Wegli ist kein Vogel zu hören, nichts knarzt im Gebälk. Dafür tönt leise Musik aus im Unterholz versteckten Boxen. Am Wegesrand strahlen Scheinwerfer in die Baumkronen, lassen Fichten und Tannen noch grüner erscheinen. Wie bei einer Massenwanderung spazieren Paare und Familie den schmalen Pfad hinauf, um sich die „Herzland“-Motive auf den Türen anzuschauen. Der Ausstellungstag ist da, Scherzinger hat seine Idee umgesetzt.

Rund 500 Interessierte haben sich nach einer relativ kurzfristigen Facebook-Einladung im Gütenbacher Wald eingefunden. Das freut die beiden „Herzland“-Macher, auch Fotograf Ackermann ist gekommen. Und das, obwohl der Modedesigner einem kommerziellen Erfolg des Projekts selbst von vornherein eher skeptisch gegenüberstand. Darum gehe es ihm auch nicht, sagt er. Worum dann? Um die Heimat. „Ich will die nächste Stufe.“

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Text: Stephan Fuhrer  Fotos: Tobias Raphael Ackermann

Ulf Tietge bei der Burgerverkostung
Der Schnapsbrenner

mehr findet ihr unter artwood.de

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