Gegen alles ist ein Kraut gewachsen? Wenn, dann bei den Bahrs in Altenheim. Für Euch haben Thomas, Marlies und Jonathan ihr Paradies geöffnet. Ein irres Vergnügen! 

Hightech ist was anderes. Tatsächlich sieht die Topfmaschine von Familie Bahr eher aus wie eine Kreuzung aus Betonmischer und Gulaschkanone. Rechts hat’s ein Magazin mit lauter gebrauchten Plastiktöpfchen im Kaliber 12 Zentimenter, die einer nach dem anderen auf die Reise gehen. Unten hinein kommen ein paar gelbe Düngerkügelchen. Gebundener Stickstoff, der sich nicht auswäscht, und den die Pflanzen so innig lieben, wie Menschen ein Dry-Aged-T-Bone.

In der Mischtrommel macht sich derweil die Erde für ihren Weg ins Töpfchen bereit, und am Drehtisch in der Mitte drückt ein Stempel die Erde an. Wie bei einer Siebträgermaschine für Espresso. Aber sanfter. Und langsam. Denn am Förderband steht keine Maschine, sondern Jonathan Bahr. Mit der Hand gibt er jeweils 50 Majoran-Samen auf den Topf. Die muss er nicht zählen. Erfahrung? „Nein“, lacht der Juniorchef der Gärtnerei Bahr in Neuried-Altenheim.  „50 Samenkörner sind genau die Menge, die zwischen drei Finger passt.“

Nebendran wartet untätig ein selbst gebautes Aussatgerät. Auf dessen Druckluftschläuche und Sensoren  setzen die Bahrs, wenn es um größere Mengen geht und das Saatgut weniger empfindlich ist. Basilikum zum Beispiel. Oder Petersilie. Beide sind hart im Nehmen.

„Der große Vorteil der alten Maschine ist, dass wir gebrauchte Töpfe verwenden können. Wiederverwendet wird Plastik auf einmal sogar ökologisch sinnvoll“, erklärt Seniorchef Thomas Bahr, holt eine ausgewachsene Pflanze vom Tischchen nebendran und zieht ihr den Topf von den Wurzeln. „Schau mal: Du siehst gut, wie sich die Wurzeln um die Kügelchen schlingen. Wenn man dagegen Hornspäne nimmt, hat man das Gefühl, als hätten die Pflanzen Angst, sich zu verletzen. Die Wurzeln wachsen dann eher zum Topfrand hin und nicht gerade nach unten.“

Vielleicht ist das schon das Geheimnis? Der Grund, warum Kräuter aus Altenheim einfach nicht kaputtzukriegen sind? Oder ist es die Liebe, die Thomas Bahr seinen Pflanzen zukommen lässt? Zu jeder Pflanze, sagt Thomas, hat er eine Beziehung. Anders könnte er seinem Beruf gar nicht nachgehen. Das weiß auch Offenburgs Oberbürgermeisterin Edith Schreiner, die den Kontakt zu den Bahrs vermittelt hat. „Bei mir stirbt jeder Supermarkt-Basilikum nach ein paar Tagen“, sagt sie und lächelt. „Nur eben nicht die Pflanzen von Thomas Bahr. Die müssen Superkräfte haben, denn sie überleben sogar auf meiner Fensterbank.“

Einen sprichwörtlichen grünen Daumen mögen die Bahrs ja haben – in Wirklichkeit aber sind die Finger schwarz. „Das kommt von den Tomaten da drüben“, sagt Thomas Bahr. „Wir knipsen von Hand die Geiz- und Seitentriebe ab und der Pflanzensaft färbt die Haut schwarz.“ Und warum das? Machen die Bahrs jetzt in Gemüse? „Nein“, sagt Thomas. „Aber wir wollen wissen, was die Tomatensetzlinge aus unserer Zucht bringen. Also pflanzen wir jedes Jahr für den Eigenbedarf.“ Gleich nebenan stehen Chilis. Jalapenos, Habaneros, Bird Eye.
Lauter scharfes Zeug, um das die Hühner, die bei den Bahrs in der Gärtnerei frei herumlaufen, einen großen Bogen machen.

Drei Hektar ist die Gärtnerei insgesamt groß und den meisten Platz nehmen die Rosen ein. 100 verschiedene Sorten sind es bestimmt, wahrscheinlich noch viel mehr. Und natürlich gibt es alle Farben und Größen. Darunter auch die alten Sorten, die wundervoll duften, aber deshalb nur einen oder zwei Tage in der Vase überleben. Im Großhandel haben solche Sorten nichts zu suchen – aber als Pflanze im Garten?

So schön die Rosen sind: Wir sind wegen der Kräuter hier. Wegen der 170 verschiedenen Sorten und dem Kaleidoskop der Möglichkeiten, die diese wundervollen Pflanzen bieten. Thomas spürt, dass wir uns zu African Blue Basilikum und dem Ysop für Eintöpfe, zum vietnamesichen Koriander und dem franzöischen  Estragon sehr hingezogen fühlen. „Du kannst alles probieren und soviel du möchtest“, sagt Thomas und hält mir eines der 8000 Töpfchen in diesem Freudenhaus für gastrosexuelle Männer entgegen. Aber was in diesem Topf wächst, habe ich zuvor noch nie gesehen. „Olivenkraut“, verrät Thomas und macht sich selbst auch ein Zweiglein ab. Das rosmarinblättrige Heiligen-kraut schmeckt in der Tat intensiv nach Oliven. Mit Quark muss es die Wucht in Tüten sein.

Wir probieren Currykraut und Koriander, Zitronenthymian und Ur-Basilikum, essbare Tagetes und junge Brennesselblätter, Brunnenkresse, Gänseblümchen und Mangoldsalat mit roten Stängeln. Majoran für Leberwurst oder Bratkartoffeln, silbrig schimmernden Kreta-Oregano, Argentinische Minze, provenzalischen Absinth und Pilzkraut. „Damit musst du vorsichtig sein“, sagt Thomas. „Als Büschel gegrillt macht es süchtig. Manche lassen dafür sogar ihr Fleisch liegen.“ Was für ein Feuerwerk der Aromen! So schade, dass wir zu den süßen Stevia-Blättern nicht noch ein paar Erdbeeren haben …

Bevor wir jetzt aber zu sehr ins Schwärmen geraten, macht uns Marlies Bahr auf einen Tisch mit Parakresse aufmerksam. Eine schöne Pflanze mit leuchtend gelben Blüten und rotem Zentrum, die in Peru als Heilpflanze seit Jahrhunderten angebaut wird. Im Mund fühlt es sich an, als ob man Brausepulver gegessen hätte, ein schneller Wechsel zwischen süß, sauer und salzig. Der Speichelfluss wird gesteigert, Zunge und Mundraum werden leicht betäubt. Anästhesie auf indianisch. Ein Wundermittel gegen Zahnschmerzen, das sich Mexikaner auf ihre ganz eigene Art zu nutze machen: Nach dem Genuss von ein paar Blättern Parakresse kann man ein viel schärferes Chili verdrücken, ohne gleich nach Milch zu rufen …

Jetzt aber ist es Zeit für die Maloche. Die Bahrs haben gerade eine neue Lieferung Nützlinge bekommen und wir dürfen zuschauen, wie sich der Trupp an die Arbeit macht. „Die Schlupfwespen sind in der Tat unsere wichtigsten Mitarbeiter“, sagt Jonathan Bahr und lässt einen der winzigen Hautflügler über seinen Fingernagel laufen. Mit normalen Wespen haben die Nützlinge nichts gemein. Eher erinnern sie an kleine, grüne Mücken. Ihr Job: Blattläusen den Garaus machen. Das machen sie gern, denn Schlupfwespen nutzen Blattläuse als Brutkästen. Die Tomaten bekommen später noch ein paar Streifen mit Raubmilben für den Kampf gegen weiße Fliegen und in der warmen Kinderstube vom Basilikum dürfen Blattlauslöwen in den Kampf. „50 000 Nützlinge brauchen wir pro Saison bestimmt“, sagt Jonathan und buchstabiert geduldig den Namen der Nützlingszüchter: Sautter und Stepper aus Tübingen, Freunde von Thomas Bahr aus Studienzeiten in Weihenstephan. „Du musst aber nicht nach Tübingen“, sagt Jonathan. „Man kann Florfliegen und Schlupfwespen auch einfach unter nuetzlinge.de bestellen.“

Ihr merkt schon: Die Bahrs sind nicht wie andere Gärtner. Sie konzentrieren ihre Produktion nicht auf ein paar wenige, besonders umsatzstarke Sorten. Im Gegenteil. In ihren Gewächshäusern geht es um Ökologie und Nachhaltigkeit. Um Freude an der Schöpfung. Selbst wenn man nicht gerade religiös ist: Nach einem Tag in diesem floralen Paradies kommt man ins Grübeln und denkt unwillkürlich über das Wunder des Lebens nach.

Thomas Bahr holt uns zurück ins Hier und Jetzt. Denn wir wollten noch über Geld sprechen und dazu sollte er als ehemaliger Banker doch eine besondere Beziehung haben, oder? „Geld ist eigentlich nur ein Abfallprodukt unserer Arbeit“, sagt er. „Wir wollen nicht wachsen, wir wollen besser werden.“

Bis vor ein paar Jahren waren die Bahrs als biologisch-dynamischer Betrieb zertifiziert. Heute arbeitet die Familie in vielen Bereichen strenger als es das Biosiegel verlangen würde, andererseits aber auch nicht ganz so engstirnig. Die Bahrs gehen einfach ihren eigenen Weg, vertrauen auf ihren gesunden Menschenverstand und sind damit erfolgreich. Dabei hat das Familienunternehmen durchaus auch andere Zeiten hinter sich. Marlies Vater hatte den Betrieb 1949 gegründet. Ein ganz normaler landwirtschaftlicher Betrieb, wie es damals viele gab. Als Marlies Vater stirbt, führt sie den Hof mit ihrer Mutter weiter. Thomas geht nach Weihenstephan, um Floristik zu studieren, bringt neue Ideen mit nach Altenheim und steht mit seiner Frau irgendwann auf dem Offenburger Wochenmarkt. Mit eigenen Pflanzen, nicht mit Handelsware. Im Winter mit schwarzer Mütze, im Sommer mit Strohhut. Ihr erkennt ihn an seinem Bart, um den ihn sogar Gandalf aus „Herr der Ringe“ beneiden würde.

Die Freude an Pflanzen haben Marlies und Thomas Bahr vererbt. Ihr Sohn Jonathan ist Staudengärtner. Und für beide ist es eine Freude, wenn Enkelin Emma mit ihren vier Jahren durch die Rabatten tobt. Noch so ein stabiles Gen ist die Freude am Kochen: Am liebsten unter freiem Himmel. Thomas hat dafür einen Summit-Gasgrill von Weber vor dem Haus stehen, sein Sohn einen Genesis. Apropos Essen. Im alten Gewächshaus haben die Bahrs ein bisschen was vorbereitet. Wir lassen uns Dipps mit frischen Kräutern, selbstgemachtes Pesto und in Salz eingelegte Kräuter mit frischen Brezeln vom Bäcker aus dem Nachbarort schmecken.

Was für ein wunderschöner Tag.

Text: Ulf Tietge  Fotos: Thomas Huber

Familie Bahr vor ihrer Gärtnerei

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